Die Macht der Pause

5 Gründe für mehr Mut zur Pause und was Corona damit zu tun hat



Gerade erleben wir das, was unter Musikern schon lange als Corona bekannt ist:

die Generalpause. Musikwissenschaftler Johann Gottfried Walter formuliert es 1732 in seinem Musikalischen Lexikon wie folgt: „Corona, oder Coronata, also wird von den Italianern dieses Zeichen genennet, welches, wenn es über gewissen Noten in allen Stimmen zugleich vorkommt, ein allgemeines Stillschweigen, oder eine Pausam generalem bedeutet“.



Punkt.

Absatz.

Wirken lassen. Pause.


Wow!


Ja, so eine Pause ist machtvoll. Ludwig van Beethoven etwa baut in seiner 9. Sinfonie per Generalpause eine knisternde Spannung auf - ehe das erste „Freude“ ertönt.


Im Sprechen wird sie allerdings noch oft unterschätzt. Die Pause. Oftmals im Galopp und mit hechelnder Zunge hetzen sich Sprecher durch ihre Reden - sehr zum Leidwesen des Publikums.

Vom Inhalt ganz zu schweigen - denn der bleibt auf der Strecke.


Dabei sind Pausen unendlich wertvoll! Und das in vielerlei Hinsicht:


1.) Pausen setzen Akzente und stiften Sinn.

Je nachdem wo ich die Pause setze, verschiebt sich die Syntax des Satzes:

„Es lohnt sich (Pause) nicht rauszugehen“

„Es lohnt nicht (Pause) rauszugehen“


2.) Pausen geben dem Publikum die Möglichkeit das Gesagte zu verarbeiten.

Gerade mal 8 bis max.16 Wörter kann ein Hörer als geschlossene Sinneinheit erfassen (kurze Pause) bis das Gehirn eine Pause braucht, um das Gehörte zu verarbeiten.

Wenn ich also möchte, dass der Inhalt da landet wo er hin soll, nämlich in den Ohren meiner Zuhörer, sollte ich tunlichst Pausen setzen. Denn ansonsten schaltet das Publikum - traurig aber wahr- vor lauter Informationsflut einfach auf Durchzug.


3) Pausen schaffen Spannung.

Oft höre ich, dass Sprecher Angst davor haben Pausen zu setzen, weil sie fürchten das Publikum könne sich „irgendwie langweilen“. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall!!

Denn erstens sind die Zuhörer mit dem Verarbeiten des grade Vernommenen ohnehin noch vollauf beschäftigt. Und zweitens: hält der Sprecher über die Verarbeitungspause hinaus weiter den Zuhörerkontakt und bleibt präsent, baut sich schließlich eine knisternde Spannungspause auf. Und die Zuhörer kleben förmlich an seinen Lippen, um zu erfahren, was als nächstes kommt! Die Pause baut sozusagen das Podest für die kommenden Worte.

4) Pausen schaffen Kontakt.

Gerade in der Stille, wenn die Augen von Sender und Empfänger sich treffen, wenn es Raum gibt das Gesagte wirklich zu verarbeiten, entsteht echter und tiefer Kontakt zum Gegenüber. Ja, sogar die Atemrhythmen von Sprecher und Zuhörer gleichen sich erwiesenermaßen in solchen Pausen an. Womit wir beim nächsten Punkt wären:


5) Pausen lassen den Sprecher zu Atem kommen.

Und damit meine ich nicht "Luft einsaugen" - wie man es leider oft bei gestressten Sprechern sieht und hört. Denn Luft einsaugen ist Aktivität. Aber eine Pause ist eine Pause und bedeutet: inneres Loslassen, so dass der Atem sich von selbst erneuern kann und wir den nächsten Gedanken entwicklen können. Uns im wahrsten Sinne des Wortes „inspirieren“ lassen können.


Denn erst wenn wir die Stille zulassen, entfalten Worte ihren Sinn.


Gerade in unserer Welt von „höher - schneller - weiter“ wird der Sinn der Pause allerdings oft unterschätzt. Das geht bisweilen traurigerweise sogar so weit, dass Menschen ihren natürlichen dreigeteilten Atemrhythmus von Einatmung - Ausatmung - Pause einfach verlieren. Sich im Hamsterrad der Karriereleiter drehen und ins Burnout hyperventilieren.


Ich persönlich glaube, dass in jeder Krankheit, in jeder Krise grundsätzlich auch eine Chance liegt. Eine Chance um innezuhalten und zu reflektieren und den Kurs ggf. zu korrigieren. Und wenn ich in diese Corona - „Zwangspause“ hineinhorche und mich frage was wir alle jetzt von ihr lernen können, dann vielleicht genau das: mehr Mut zur Pause!


Wie war das noch?


1) Pausen setzen Akzente und stiften Sinn.

Es liegt an uns welche Akzente wir in unserem Leben setzen wollen! Genau jetzt haben wir Zeit darüber nachzudenken und den Kurs ggf. zum korrigieren.


2) Pausen geben dem Publikum die Möglichkeit das Gesagte zu verarbeiten.

Oder auch den Status quo zu reflektieren. Wollen wir wirklich so weitermachen? Höher, schneller , weiter? Billiger, globaler, digitaler?


3) Pausen schaffen Spannung.

Oh ja, denn: wie wird es jetzt weitergehen? Viele stehen vor wahrhaft existentiellen Fragen. Wir als Gesellschaft stehen vor existentiellen Fragen: wie soll es jetzt weitergehen? Und genau jetzt ist der Zeitpunkt sich darüber Gedanken zu machen, nach innen zu lauschen, die eigenen Werte zu klären und dafür einzustehen. Seine Stimme zu erheben und seinen Beitrag zu leisten. Wir gestalten die Zukunft! Ich persönlich wünsche mir eine menschlichere Welt. Weniger höher, schneller, weiter, weniger Ellenbogen und Machtkampf. Dafür mehr miteinander, mehr authentischer Kontakt zu sich und anderen, mehr Einklang mit der Natur - und nicht gegen sie. Apropos:


4) Pausen schaffen Kontakt.

Wie bitte? Hallo? Social Distance? Schon gehört? Ja, und auch ich leide darunter meine Freunde und Familie nicht sehen und in die Arme schliessen zu können. Aber die Situation bringt uns in Kontakt mit uns selbst. Zwingt uns gerade dazu, wirft uns auf uns selbst zurück. Um uns Raum zu geben und darüber nachzudenken, wie wir Kontakt künftig gestalten wollen. Und zu spüren, wie sehr er uns fehlt, wenn er nicht da ist, wie wertvoll er ist und zu erfahren: diese Krise meistern wir nur zusammen!


5) Pausen lassen den Sprecher zu Atem kommen.

Die Luftqualität über Wuhan hat sich in der Coronakrise drastisch verbessert.

Und auch für Deutschland rücken die wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Pandemie die bereits aufgegeben Klimaziele für 2020 nun doch noch in erreichbare Nähe, wie das Umweltministerium und Umweltbundesamt (UBA) bereits im März bekannt gab.

Brauchen wir wirklich eine solche Katastrophe, um uns zu beschränken? Die Natur ringt um Luft. Schon lange. Und es sind auch unsere Lungenflügel, die durch Waldrodung und die Folgen des Klimawandels weltweit täglich verbrennen.

Eine Pause lässt den Sprecher zu Atem kommen. Ich glaube es ist dringend Zeit zu hören, was die Natur uns sagen will.


Diese Krise ist hart - und sie trifft die Ärmsten und Schwächten am meisten. Weltweit kämpfen Menschen um ihr Leben, viele werden ihre Lieben verlieren oder haben es schon getan.

Es ist höchste Zeit grundsätzlich innezuhalten und umzudenken. Diesen Weckruf zu hören und unser globales Weltwirtschaftssystem genau unter die Lupe zu nehmen. Was können, was müssen wir ändern, um uns, unsere Lieben und unsere Umwelt zu schützen- und wie können wir das gemeinsam schaffen?


Jetzt ist jeder einzelne von uns gefragt, jede Stimme, um im fairen Dialog einen gemeinsamen Weg zu finden.


Haben wir Mut zur Pause und nutzen wir sie!


Denn erst wenn wir die Stille zulassen, entfalten Worte ihren Sinn.


In diesem Sinne:

bleiben Sie gesund und


… find your voice!

Ihre

Natascha Clasing


Natascha Clasing 2020 ©

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